Analyse der Verhandlungen zum EU-Finanzrahmen 2007–2013: Wolfgang Schüssels Rolle zwischen nationalem Interesse und institutionellem Zwang
I. Einleitung: Die Semantik der Freiwilligkeit in der EU-Finanzpolitik
Die Beantwortung der Frage, ob der ehemalige österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel den EU-Beitrag „freiwillig erhöht“ hat, erfordert eine tiefgehende politisch-strategische Analyse, die weit über eine simple Ja-Nein-Antwort hinausgeht. Die Fragestellung birgt ein inhärentes Paradoxon: Bundeskanzler Schüssel war über Jahre hinweg einer der prominentesten Fürsprecher eines restriktiven EU-Budgets und ein Kernmitglied der sogenannten „Nettozahler“-Allianz. Seine öffentliche Positionierung war konsequent auf Haushaltsdisziplin und die Begrenzung der nationalen Beiträge ausgerichtet.
Um die Handlungen Schüssels adäquat zu bewerten, muss der Begriff „Freiwilligkeit“ im institutionellen Kontext der Europäischen Union präzisiert werden. In einem Verhandlungssystem von 25 Mitgliedsstaaten (vor 2007), das für den mehrjährigen Finanzrahmen (MFR) Einstimmigkeit erfordert, und in dem das Europäische Parlament (EP) ein Vetorecht besitzt, ist kein Ergebnis „freiwillig“ im Sinne einer unilateralen, von Zwängen freien Entscheidung. Jede Einigung ist ein negotiated settlement. Die Analyse muss daher differenzieren zwischen:
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Strategischen Zugeständnissen: Scheinbar freiwillige Schritte, die gemacht werden, um ein höherrangiges, politisches oder strukturelles Ziel zu erreichen.
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Erzwungenen Anpassungen: Unfreiwillige Schritte, die unter dem Druck institutioneller Vetospieler oder zur Abwendung eines größeren politischen Schadens (z.B. ein institutioneller Kollaps) erfolgen.
Die These dieser Analyse lautet, dass die Antwort auf die Kernfrage in der strikten Trennung zweier Verhandlungsphasen und der damit verbundenen dualen Rolle Wolfgang Schüssels liegt:
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Phase I (bis Dezember 2005): Schüssel agierte primär als nationaler Verhandlungsführer Österreichs. In dieser Rolle lehnte er Erhöhungen vehement ab, musste aber ein strategisches Zugeständnis (eine leichte Überschreitung seiner 1,0 %-Forderung) machen, um ein höheres Ziel – die Reduzierung des Britenrabatts – zu erreichen. Dieses Zugeständnis war ein strategischer Tausch, keine freiwillige Erhöhung.
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Phase II (Januar–April 2006): Schüssel agierte als EU-Ratspräsident. In dieser Rolle wurde er durch ein Veto des Europäischen Parlaments zu einer minimalen Erhöhung des zuvor verhandelten Rahmens gezwungen. Diese Erhöhung war unfreiwillig, aber strategisch notwendig, um den gesamten Finanzrahmen und den politischen Erfolg der österreichischen Ratspräsidentschaft zu retten.
Der vorliegende Bericht wird diesen Transformationsprozess chronologisch nachzeichnen, die innen- und außenpolitischen Zwänge analysieren und die Diskrepanz zwischen der realen Verhandlungsdynamik und ihrer innenpolitischen Wahrnehmung beleuchten.
II. Österreichs Positionierung: Der „Nettozahler-Klub“ und die 1,0-Prozent-Doktrin (ca. 2004–2005)
Um Schüssels Handlungen im Jahr 2006 zu verstehen, muss seine unnachgiebige Ausgangsposition in den Jahren 2004 und 2005 analysiert werden. Diese Position war nicht primär ideologisch, sondern durch massiven innenpolitischen Druck und eine klare Allianzstrategie auf EU-Ebene mandatiert.
A. Das innenpolitische Klima: Die „Nettozahler-Debatte“
Die öffentliche Debatte in Österreich war in der ersten Hälfte der 2000er Jahre massiv vom Narrativ „Nettozahler Österreich“ geprägt. Österreich zählte, wie Daten des WIFO (Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung) und anderer Analysen belegten, gemessen am Bruttonationaleinkommen (BNE) zu den größten Nettozahlern der Union. Die öffentliche Wahrnehmung, „zu viel“ nach Brüssel zu zahlen, war ein dominantes Medienthema.
Dieses Klima schuf ein enges innenpolitisches Mandat für den Bundeskanzler. Jede Verhandlung auf EU-Ebene wurde in Österreich primär unter dem Aspekt der „Kosten“ für den heimischen Steuerzahler bewertet. Eine „weiche“ Verhandlungslinie wäre von der Opposition und den Medien unmittelbar als Versagen und als „Umfaller“ gebrandmarkt worden. Diese defensive und restriktive Grundhaltung war somit für Schüssel innenpolitisch alternativlos, um seine Position zu wahren.
B. Die „Gruppe der Sechs“ (Gang of Six) und die 1,0 %-Obergrenze
Auf europäischer Ebene übersetzte Schüssel diesen innenpolitischen Druck in eine feste Bündnisstrategie. Österreich schloss sich mit den fünf anderen großen Nettozahlern – Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Schweden und den Niederlanden – zur sogenannten „Gruppe der Sechs“ (auch „Club der Geizigen“ genannt) zusammen.
Diese Allianz formulierte bereits im Dezember 2003 in einem gemeinsamen Brief an die Europäische Kommission eine unmissverständliche Forderung: Die Ausgaben des künftigen Finanzrahmens (MFR 2007–2013) sollten strikt auf 1,0 % des Bruttonationaleinkommens (BNE) der EU begrenzt werden. Diese Forderung stand in diametralem Gegensatz zu den Vorstellungen der Nettoempfängerländer (insbesondere der neuen Mitgliedsstaaten aus der Osterweiterung 2004) und den Vorschlägen der Europäischen Kommission.
C. Schüssels explizite Ablehnung als Verhandlungstaktik
Der Kommissionsvorschlag, der ein Ausgabenvolumen von circa 1,24 % des BNE vorsah , wurde von Schüssel öffentlich und vehement zurückgewiesen. In einer Stellungnahme nach dem Ministerrat bezeichnete er den Entwurf als „bei weitem zu viel“. Er untermauerte seine Ablehnung mit konkreten Zahlen:
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Der Kommissionsvorschlag (1,24 %) würde einen Anstieg des EU-Haushalts von 99 Mrd. € (damals) auf 158 Mrd. € im Jahr 2013 bedeuten. Für Österreich hätte dies eine Erhöhung des Beitrags von 2,2 Mrd. € auf „etwa 3,1 bis 3,2 Milliarden Euro“ bedeutet.
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Die 1,0 %-Grenze (die Schüssel-Linie) würde immer noch einen Anstieg auf 124 Mrd. € im Jahr 2013 bedeuten und Österreichs Beitrag auf 2,7 Mrd. € erhöhen.
Diese harte öffentliche Linie war strategisch notwendig. Sie diente nicht nur der Beruhigung der heimischen Öffentlichkeit , sondern war auch ein Signal an die Bündnispartner der „Gruppe der Sechs“. Jede Aufweichung der 1,0 %-Position durch ein Mitglied hätte die gesamte Allianz geschwächt und die Verhandlungsmacht der Nettoempfänger und der Kommission gestärkt. Schüssels unnachgiebige Haltung war die Grundvoraussetzung für seine Verhandlungsstrategie.
III. Verhandlungsphase I (Dezember 2005): Der „Sieg“ von Brüssel – Ein sparsames Budget und der Britenrabatt
Die erste Phase der Verhandlungen kulminierte im Gipfel des Europäischen Rates im Dezember 2005. Hier agierte Schüssel noch ausschließlich als Vertreter der Republik Österreich.
- A. Der Gipfel-Kompromiss vom Dezember 2005
Nach fast zweijährigen, extrem zähen Verhandlungen, die im Sommer 2005 noch gescheitert waren, einigten sich die 25 Staats- und Regierungschefs auf der Tagung vom 15.–16. Dezember 2005 auf einen Kompromiss. Der Finanzrahmen für die Periode 2007–2013 wurde auf 862,4 Milliarden Euro festgelegt.
Dieser Betrag entsprach etwa 1,045 % bis 1,06 % des BNE. Damit lag das Ergebnis zwar über der symbolisch aufgeladenen 1,0 %-Forderung der „Gruppe der Sechs“, aber massiv unter dem ursprünglichen Kommissionsvorschlag.
B. Schüssels innenpolitische Darstellung als „Sieg“
Obwohl die 1,0 %-Marke formal gerissen wurde, präsentierte Schüssel dieses Ergebnis in Österreich als vollen Erfolg. Seine Argumentation war strategisch:
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„Sparsam“: Er betonte, es bleibe ein „sparsames Budget“.
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Relativierung: Er setzte die Zahl in Relation zum Kommissionsvorschlag und betonte, das Ergebnis liege 140 Milliarden Euro unter den ursprünglichen Forderungen der Kommission.
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Österreich-Bezug: Er rechnete vor, dass die Zahlungen für Österreich damit „knapp unter 1 % der Wirtschaftsleistung“ liegen würden.
C. Der strategische Tausch: Geld gegen Rabatt
Der Schlüssel zum Verständnis, warum Schüssel diesem Kompromiss zustimmte, liegt jedoch nicht in der Gesamthöhe, sondern in einem strukturellen Verhandlungserfolg: dem Britenrabatt.
Der Britenrabatt, ein 1984 ausgehandelter pauschaler Nachlass für das Vereinigte Königreich, war anderen Nettozahlern wie Österreich seit langem ein Dorn im Auge, da sie diesen Rabatt (und jene für andere Länder) überproportional mitfinanzieren mussten. Ein Kernziel Schüssels war daher die Reduzierung dieses Rabatts, um einen „fair share“ (eine faire Lastenteilung) zu erreichen.
Das Verhandlungsergebnis vom Dezember 2005 beinhaltete eine Verringerung des Britenrabatts um 10,5 Milliarden Euro über die Finanzperiode. Schüssel bezeichnete dies – und nicht die 1,0 %-Marke – als den eigentlichen „bleibenden Durchbruch“.
Hier zeigt sich die wahre Natur des Verhandlungsergebnisses: Schüssel machte ein strategisches Zugeständnis bei einem quantitativen Ziel (der 1,0 %-Obergrenze), um ein für ihn wichtigeres, strukturelles Ziel (die Reform des Rabattsystems) zu erreichen. Er tauschte die Akzeptanz von 1,045 % BNE gegen eine Reduktion des Britenrabatts. Dies war ein kalkulierter Tausch, keine „freiwillige Erhöhung“ im Sinne einer Kapitulation.
IV. Der Wendepunkt (Januar 2006): Das Veto des Europäischen Parlaments
Zum 1. Januar 2006 übernahm Österreich die EU-Ratspräsidentschaft. Mit dieser neuen Funktion änderte sich Schüssels Rolle fundamental und unmittelbar. Der im Dezember 2005 als „Sieg“ gefeierte Kompromiss stand plötzlich vor dem Scheitern.
A. Schüssels neue Rolle als EU-Ratspräsident
Als Bundeskanzler Österreichs war Schüssel ein „Bremser“, ein Nettozahler, der nationale Interessen vertrat. Als amtierender EU-Ratspräsident war er nun der „ehrliche Makler“ (honest broker), der die Interessen des Rates (also aller 25 Mitgliedsstaaten) gegenüber den anderen Institutionen vertreten musste. Seine Priorität verschob sich gezwungenermaßen vom Inhalt des Budgets (so niedrig wie möglich) zum Zustandekommen des Budgets (Sicherung der Handlungsfähigkeit der EU).
B. Die Ablehnung des Dezember-Kompromisses
Der vom Rat (den Staats- und Regierungschefs) im Dezember beschlossene MFR von 862,4 Mrd. € war noch nicht das Ende des Prozesses. Er bedurfte der Zustimmung des Europäischen Parlaments.
Als Schüssel den Kompromiss in Straßburg dem Parlament präsentierte, erlitt er eine schwere Niederlage. Das Parlament lehnte den Finanzrahmen am 18. Januar 2006 mit einer überwältigenden Mehrheit von 541 Stimmen (bei 56 Gegenstimmen und 76 Enthaltungen) ab. Eine breite Koalition aus Konservativen (EVP), Sozialdemokraten (SPE), Liberalen und Grünen blockierte den Deal.
Die Begründung: „Die Abgeordneten wollen mehr Geld“. Das Parlament warf dem Rat vor, zentrale Zukunftsbereiche „in allen Bereichen, die Sie als Prioritäten bezeichnen, gekürzt“ zu haben. Konkret ging es um Mittel für Forschung, Bildung (insbesondere das Studentenaustauschprogramm Erasmus) und die Transeuropäischen Verkehrsnetze (TEN).
C. Das Dilemma des Ratspräsidenten
Schüssel befand sich nun in einer massiven Zwangslage. Das Parlament hatte ein Veto eingelegt. Ein Scheitern der Einigung hätte bedeutet, dass die EU ab dem 1. Januar 2007 ohne gültigen Finanzrahmen dagestanden wäre. In diesem Fall wäre ein provisorisches Notbudget (basierend auf dem Vorjahresbudget) in Kraft getreten, was Stagnation, Planungsunsicherheit und das Einfrieren aller neuen Programme (insbesondere für die neuen Mitgliedsstaaten) bedeutet hätte.
Ein solcher institutioneller Kollaps wäre eine Katastrophe für die gerade begonnene österreichische Ratspräsidentschaft gewesen. Es hätte die Handlungsunfähigkeit der EU unter Schüssels Führung demonstriert. Der politische Preis des Scheiterns (eine Blamage der Präsidentschaft) war für Schüssel als Ratspräsident nun ungleich höher als der finanzielle Preis einer marginalen Erhöhung des Budgets, das er als Kanzler ausgehandelt hatte.
Schüssel war daher gezwungen, Neuverhandlungen aufzunehmen. Jede Erhöhung, die aus dieser Verhandlung resultieren würde, war von diesem Moment an nicht mehr „freiwillig“, sondern eine unabdingbare Notwendigkeit zur Rettung des MFR und des politischen Erfolgs seiner Präsidentschaft.
D. Schüssels Warnung und alternative Vision
Bemerkenswert ist Schüssels Rede vor dem Parlament vor der Abstimmung. Er schien die Ablehnung zu ahnen und warnte die Abgeordneten eindringlich vor den Konsequenzen ihrer Forderungen: „Wenn wir immer mehr Geld aus nationalen Budgets hergeben müssen, haben wir das letzte Mal eine Einigung zustande gebracht.“ Er warnte, Nettozahler und -empfänger würden sich „an die Gurgel springen“.
Interessanterweise plädierte er in derselben Rede für eine stärkere Eigenfinanzierung der EU (z.B. durch eine Steuer auf Finanzspekulationen oder die Besteuerung von Schiffs- und Luftfahrt), um aus dem destruktiven Konflikt um die nationalen Beiträge auszubrechen. Dies zeigt seine Frustration über das System, in dem er als Ratspräsident nun vermitteln musste.
V. Verhandlungsphase II (Januar–April 2006): Der „erzwungene“ Kompromiss des Ratspräsidenten
Nach dem Veto des Parlaments begannen monatelange, zähe Verhandlungen zwischen der österreichischen Ratspräsidentschaft (vertreten durch Schüssel und Finanzminister Karl-Heinz Grasser) und den Verhandlern des Parlaments (angeführt vom deutschen EVP-Abgeordneten Reimer Böge).
A. Die Verhandlungen mit dem Parlament
Die Ausgangslage war schwierig. Das Parlament forderte anfangs 12 Milliarden Euro zusätzlich zu dem im Dezember beschlossenen 862,4-Milliarden-Paket. Schüssel, nun als Ratspräsident, musste einen Kompromiss finden, der (a) dem Parlament genug bot, um dessen Veto aufzuheben, und (b) den 25 Mitgliedsstaaten (insbesondere den anderen Nettozahlern der „Gruppe der Sechs“) noch vermittelbar war.
B. Die finale Einigung (April 2006)
Am 4. April 2006 wurde schließlich eine Einigung erzielt, die Schüssel als „guten Kompromiss“ bezeichnete. Die Verhandler des Parlaments konnten dem Rat (vertreten durch die österreichische Präsidentschaft) 4 Milliarden Euro „abringen“.
Dieses „neue Geld“ floss fast ausschließlich in die vom Parlament priorisierten Bereiche:
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800 Mio. € für Bildung (inkl. Erasmus)
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500 Mio. € für Transeuropäische Verkehrsnetzwerke (TEN)
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300 Mio. € für Forschung
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1 Mrd. € für Außenpolitik.
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C. Die „komplexen Zahlenspiele“ der Erhöhung
Die Einigung war ein diplomatisches Meisterstück der „komplexen Zahlenspiele“. Obwohl das Parlament 4 Mrd. € „neues Geld“ erhielt, erhöhte sich der Gesamt-Rahmenhaushalt nur um 2 Milliarden Euro – von 862,4 Mrd. € auf rund 864 Milliarden Euro.
Dies wurde durch Umschichtungen, die Nutzung von Flexibilitätsinstrumenten und andere buchhalterische Anpassungen erreicht. Die effektive Mehrbelastung für die Mitgliedsstaaten, also das Geld, das tatsächlich zusätzlich aus den nationalen Budgets aufgebracht werden musste, betrug über die sieben Jahre 3,5 Milliarden Euro.
D. Bewertung: „Sieg der Vernunft“ oder „Schmerzgrenze“?
Die Reaktionen auf den Deal sind aufschlussreich:
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Schüssel: War „sichtlich gut aufgelegt“. Für ihn war es ein Sieg. Als Ratspräsident hatte er eine Einigung erzielt, eine institutionelle Krise abgewendet und den Erfolg seiner Präsidentschaft gesichert. Als Vertreter der Nettozahler hatte er eine 12-Milliarden-Forderung des Parlaments auf eine reale Mehrbelastung von 3,5 Milliarden (verteilt auf 25 Staaten über 7 Jahre) heruntergehandelt.
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Europäisches Parlament: Die Abgeordneten waren „nicht ganz so entspannt“. Parlamentsverhandler Reimer Böge gab offen zu: „Ich bin mit dem Ergebnis nicht zufrieden.“ Er nannte die Einigung die „absolute Schmerzgrenze“, da seine Forderung (12 Mrd. €) weit verfehlt wurde.
Die gute Laune Schüssels und der Frust des Parlaments belegen eindeutig: Die Erhöhung von April 2006 war keine „freiwillige“ Geste, sondern das minimal notwendige, erzwungene Zugeständnis, um das Veto des Parlaments zu brechen und den in Phase I errungenen 862-Milliarden-Kompromiss zu konsolidieren.
Die folgende Tabelle visualisiert die relative Natur der Verhandlungsergebnisse und die Diskrepanz zwischen den verschiedenen Referenzpunkten:
Tabelle 1: Die Evolution des EU-Finanzrahmens 2007–2013 (Milliarden €)
* Abgeleitet aus Schüssels Aussage, der Kompromiss von 862 Mrd. sei 140 Mrd. € niedriger als der Kommissionsvorschlag.
VI. Analyse der Opposition: Die innenpolitische „Umfaller“-Debatte
Die Komplexität dieser zweistufigen Verhandlung und Schüssels Rollenwechsel wurde in der österreichischen Innenpolitik bewusst ignoriert. Stattdessen dominierte das vereinfachende „Umfaller“-Narrativ.
A. Das „Umfaller“-Narrativ
Der Begriff „Umfaller“ war ein zentraler politischer Kampfbegriff der Opposition (SPÖ und FPÖ) gegen die Regierung Schüssel. Er implizierte, der Kanzler würde auf der europäischen Bühne harte Positionen verkünden, diese aber bei erstbester Gelegenheit aufgeben.
Dieses Narrativ wurde nicht nur beim Budget, sondern auch bei anderen emotionalen Themen wie den EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei und Kroatien angewandt. Als Schüssel im Oktober 2005 nach einer harten Blockadehaltung (Verknüpfung der Türkei- mit den Kroatien-Verhandlungen) schließlich dem Verhandlungsbeginn zustimmte, warf ihm FPÖ-Chef H.C. Strache vor, „im Liegen umgefallen“ zu sein.
B. Die Kritik von SPÖ und FPÖ am Budget
Exakt dieses Narrativ wurde auf das Budget angewandt. Jede Abweichung von der unrealistischen, aber innenpolitisch wirksamen 1,0 %-Forderung wurde als „Umfaller“ und als Verrat am österreichischen Nettozahler gebrandmarkt. Die Opposition nutzte die Diskrepanz zwischen Schüssels ursprünglicher „Hardliner“-Rhetorik und dem zwangsläufigen Kompromiss.
Die SPÖ unter Alfred Gusenbauer kritisierte das Ergebnis ebenfalls, wenn auch teils aus anderer Motivation, etwa bei der Agrarpolitik. Doch das Hauptargument blieb, dass die Regierung die Interessen der Nettozahler nicht ausreichend vertreten habe.
C. Schüssels Dilemma: Außenpolitischer Zwang vs. Innenpolitische Vereinfachung
Hier offenbart sich das strukturelle Dilemma von Regierungschefs aus Nettozahlerländern:
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Innenpolitischer Zwang: Um innenpolitisch handlungsfähig zu bleiben, muss der Regierungschef eine harte, restriktive Haltung einnehmen (die 1,0 %-Linie).
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Außenpolitischer Zwang: Um auf EU-Ebene (wo Einstimmigkeit herrscht) ein Ergebnis zu erzielen, ist ein Kompromiss unvermeidlich, der immer über der Maximalforderung der Nettozahler liegen wird.
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Die Konsequenz: Jeder erfolgreiche Kompromiss auf EU-Ebene muss zwangsläufig von der innenpolitischen Opposition als „Umfaller“ dargestellt werden können.
Die „Umfaller“-Debatte in Österreich war somit ein strukturell unvermeidbares Nebenprodukt der Diskrepanz zwischen nationaler Rhetorik und den Realitäten der EU-Verhandlungsmechanik.
VII. Synthese und Schlussfolgerung: Eine unfreiwillige, aber strategisch notwendige Erhöhung
Die Analyse der zweistufigen Verhandlungen und der dualen Rolle Wolfgang Schüssels ermöglicht eine definitive und nuancierte Beantwortung der Kernfrage.
1. Hat Bundeskanzler Schüssel den EU-Beitrag „freiwillig erhöht“? Nein. Eine „freiwillige“ Erhöhung im Sinne einer proaktiven, ideologisch getriebenen Initiative hat zu keinem Zeitpunkt stattgefunden. Das Gegenteil ist der Fall: Schüssels gesamte Verhandlungsstrategie von 2004 bis 2006 war defensiv und darauf ausgelegt, Erhöhungen so weit wie möglich zu verhindern und zu begrenzen.
2. Phase I (Dezember 2005): Das strategische Zugeständnis Der Kompromiss vom Dezember 2005 (862,4 Mrd. €) war ein freiwilliges strategisches Zugeständnis, aber keine „freiwillige Erhöhung“. Schüssel tauschte die Akzeptanz einer marginalen Überschreitung der 1,0 %-Marke (1,045 % statt 1,0 %) gegen einen ungleich größeren, strukturellen Sieg: die permanente Reduzierung des Britenrabatts um 10,5 Mrd. €, die er als „bleibenden Durchbruch“ feierte.
3. Phase II (April 2006): Das erzwungene Zugeständnis Die eigentliche, reale Erhöhung des Budgets (von 862,4 Mrd. € auf 864 Mrd. €) war unfreiwillig und erzwungen. Sie war das direkte Resultat eines institutionellen Zwangs: des Vetos des Europäischen Parlaments. Diese minimale Erhöhung (eine reale Mehrbelastung von 3,5 Mrd. € für 25 Staaten über 7 Jahre) war der strategisch notwendige Preis, den Schüssel als Ratspräsident zahlen musste, um:
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einen Total-Kollaps des 7-Jahres-Finanzrahmens abzuwenden ;
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den Erfolg seiner eigenen EU-Ratspräsidentschaft sicherzustellen ;
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und den in Phase I errungenen Sieg (den 862-Milliarden-Rahmen und den reduzierten Britenrabatt) zu konsolidieren.
Schüssels Verhandlungsführung im Frühjahr 2006 war keine „freiwillige Erhöhung“, sondern eine erfolgreiche Schadensbegrenzung (Damage Control). Es gelang ihm, eine 12-Milliarden-Euro-Forderung des Parlaments auf ein 3,5-Milliarden-Zugeständnis des Rates herunterzuhandeln. Die Ironie der Geschichte liegt darin, dass er innenpolitisch als „Umfaller“ für ein Zugeständnis kritisiert wurde, das auf EU-Ebene ein diplomatisches Meisterstück zur Rettung des europäischen Budgets darstellte.